
Thomas Feibel, Medienexperte
aus Berlin, referierte im Gymnasium
Donauwörth im Rahmen der Reihe
Herbstzeitlese der Stadtbibliothek
(Fotos Wolfgang Leitner)

Über die schöne neue Welt der Virtualität und die Anforderungen, die diese an Eltern und Erzieher stellt, referierte Thomas Feibel aus Berlin im Gymnasium Donauwörth. Der Vortrag war Bestandteil einer Veranstaltungsreihe „Herbstzeitlese“ der Stadtbibliothek und den Donauwörther Buchhandlungen in Kooperation mit VHS und Elternbeirat. Die Veranstaltung war mit 160 Besuchern ein voller Erfolg. Erfreulicherweise waren darunter etwa 40 Schüler, die sich im Anschluss an die Veranstaltung äußerst rege an der Diskussion beteiligten. Der Bücherstand war umlagert und fast alle Titel des Medienexperten wurden verkauft. Thomas Feibel hat am Folgetag noch zwei Lesungen für Schüler (jeweils zwei 7. und zwei 8. Klassen des Gymnasiums) aus seinem "Hacker-Thriller" "Black-Mail" gehalten. Die Schüler waren begeistert - auch über die Tatsache, dass er von Berufs wegen "Computerspieletester" ist.
Thomas Feibel, der den Kindersoftwarepreis TOMMI ins Leben rief, setzt sich mit der Thematik Computerspiele vielfältig auseinander, sei es in Fachbüchern oder durch Tests für die PS2, die XBox u. ä. oder eben durch Vorträge im ganzen Land.
Viele Eltern lässt dieses Phänomen, dass Kinder sich immer schneller der Erwachsenenwelt annähern, gerade durch oft zweifelhafte Computerspiele, nicht kalt. Assoziieren wir nicht alle spontan mit Computerspielen emotionale Abstumpfung, Amoklauf, Sucht, Isolation - variierend, aber meist doch mit negativen Bildern und Inhalten? Zweifellos hat die digitale Welt längst auch die Kinderzimmer erreicht, sei es durch PC, Playstation, DS oder früher Gameboy: Kinder gelangen immer früher vielfältig in Kontakt mit der digitalen Kommunikation, was zuweilen einfach unter "Age Compression" subsummiert und abgehakt wird.
"Sag' mal, hast du auch dieses Computerspiel, das man bei dem Amokläufer aus XX. fand?" So sollte nicht die erste Frage lauten, wenn Eltern merken, dass sie eigentlich nicht wissen, was Sohnemann oder Töchterlein so alles mit dem Nintendo spielt. Und doch ist es d e r entscheidende Punkt: Als Vater oder Mutter im Gespräch bleiben mit den Kindern, den Heranwachsenden - das setzt allerdings ein Minimum an Wissen voraus.
Im Gespräch bleiben. Das ist gar nicht so leicht! Nicht nur, dass Kinder sich rasant entwickeln - auch ein riesiger Berg neuen Wissens wartet auf den, der pädagogisch verantwortlich handeln will, denn digitale Kommunikation entwickelt sich rasch: Was lernten wir doch im ersten EDV-Kurs? Und was lernen Kinder spätestens in der 5. Klasse? Dazwischen liegen Welten.
Gewiss, das revolutionäre Tempo, mit dem sich bislang die digitale Datenwelt weiterentwickelt hat, wird auf Dauer nicht so bleiben; die Kluft aber, die sich zwischen vielen Kindern und ihren Eltern schon auftut, weil letztere es versäumten, "am Ball zu bleiben", ist nicht selten riesig.
Computerspiel ist nicht gleich Killerspiel: Thomas Feibel wies legitimerweise darauf hin, dass das negative Image der Computerspiele und des Internets so nicht gerechtfertigt ist. Er spricht sich auch dagegen aus, dass einfach durch Zensur die Spreu vom Weizen getrennt werden solle: Ein Verbot durch den Staat hat nicht selten schon das Gegenteil dessen bewirkt, worauf es abzielte. Eine strikte "Prohibition" jugendgefährdender Computerspiele würde wohl auch hierzulande lediglich den Schwarzmarkt kräftig anschüren.
Gewalt in den Medien bleibt auch keineswegs auf das Internet und die Spielsoftware beschränkt: Wir Erwachsenen sind zuerst gefragt, denn wie gehen wir denn damit um? So mancher genießt sein Abendbrot zur Tagesschau, während dort hungernde Kinder, Kriegsopfer oder nicht minder emotional erschütternde Bilder der Gewalt und des Verbrechens gezeigt werden. Nur jemand, der authentisch durch Charakter und Verhalten handelt, kann überzeugend seinen Kindern vorleben, was er von ihnen erwartet.
Jene Kultur isolierender Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, die erst ein Winnenden möglich gemacht hat, lässt sich nicht allein durch Computerspiele erklären; das Phänomen einer sich verändernden Kommunikation ist auch nicht darauf beschränkt, dass Kinder sich heutzutage online im Chat treffen.
Prinzipiell ist ein pädagogisch verantwortlicher Erwachsener herausgefordert, seine Kinder auf ihrem Weg zu führen und zu begleiten, d. h. Interesse an dem zu zeigen, was die Sprößlinge beschäftigt. Früher setzten sich die Eltern eben zu ein paar Runden Monopoly oder Risiko mit ihren Kindern zusammen - warum nicht auch am PC? Sich erst einmal zeigen lassen, was Simone da schon kann, was Klaus im Downloadcenter macht oder warum Scribblenauts so beliebt ist, Ice Age 3 ein dinomäßiges Vergnügen bereitet. Ja, so manches Familienleben könnte sogar wieder neuen Elan bekommen, wenn Papa und Mama wieder einmal Zeit fänden und sich erklären ließen, was so faszinierend ist für ihre Kinder im Internet oder an der Spielekonsole ... .
Dann, wenn nämlich nicht nur Verbote kommen, sondern die Kinder und Jugendlichen spüren, dass die Eltern sich für sie interessieren, mit ihnen spielen, sich Zeit nehmen, dann kommen die Generationen wieder ganz natürlich ins Gespräch - nicht nur vor dem Gabentisch zu Weihnachten, sondern das ganze Jahr über. Das könnte ein echtes Abenteuer werden, ein Abenteuer, Erziehung genannt, nicht rudimentär verkürzt, sondern voller Leben und Aufgaben.
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