Die Entscheidung der Jury für die diesjährige Preisträgerin des Deutschen Buchpreises hat für eine Überraschung gesorgt. Nicht Herta Müller, wie zunächst erwartet, ist die Gewinnerin, sondern Kathrin Schmidt. Sie hat sich durchgesetzt gegen:
Rainer Merkel (Lichtjahre entfernt, S. Fischer)
Herta Müller (Atemschaukel, Hanser)
Norbert Scheuer (Überm Rauschen, C. H. Beck)
Clemens J. Setz (Die Frequenzen, Residenz)
Stephan Thome (Grenzgang, Suhrkamp).
Die 1958 in Gotha geborene Autorin wird für ihren bereits im Frühjahr erschienenen autobiografisch geprägten Roman „Du stirbst nicht" geehrt, der das furchtbare Erleben einer Frau nachzeichnet, die im Krankenhaus das Bewusstsein wiedererlangt und nicht mehr sprechen kann.
„Der Roman erzählt eine Geschichte von der Wiedergewinnung der Welt. Silbe für Silbe, Satz für Satz sucht die Heldin, nach einer Hirnblutung aus dem Koma erwacht, nach ihrer verlorenen Sprache, ihrem verlorenen Gedächtnis. Mal lakonisch, mal spöttisch, mal unheimlich schildert der Roman die Innenwelt der Kranken und lässt daraus mit großer Sprachkraft die Geschichte ihrer Familie, ihrer Ehe und einer nicht vorgesehenen, unerhörten Liebe herauswachsen. Zur Welt, die sie aus Fragmenten zusammensetzt, gehört die zerfallende DDR, gehören die Jahre zwischen Wiedervereinigung und dem Beginn unseres Jahrhunderts. So ist die individuelle Geschichte einer Wiederkehr vom Rande des Todes so unaufdringlich wie kunstvoll in den Echoraum der historisch-politischen Wendezeit gestellt", so die Begründung der sieben Jury-Mitglieder.
Schmidt hatte 2002 selbst eine Hirnblutung erlitten und für lange Zeit die Sprache verloren. Die Mutter von fünf Kindern arbeitete vor ihrer Schriftstellerkarriere unter anderem als Psychologin und Sozialwissenschaftlerin. In der DDR veröffentlichte sie Lyrik und erhielt 1988 den Anna-Seghers-Preis. Nach der Wende wurde sie 1993 mit dem Leonce-und-Lena-Preis und 1998 dem Heimito-von-Doderer-Preis ausgezeichnet. Schmidt hatte für "Du stirbst nicht" jüngst auch den renommierten „Preis der SWR-Bestenliste 2009" erhalten.
Die Preisträgerin wurde in mehreren Auswahlstufen ermittelt. Die siebenköpfige Jury hat im letzten halben Jahr 154 Titel gesichtet, die zwischen dem 1. Oktober 2008 und dem 16. September 2009 erschienen sind. Alle deutschsprachigen Verlage konnten je zwei Romane aus dem aktuellen Programm einreichen. Daraus wurde eine 20 Titel umfassende Longlist zusammengestellt, die wiederum Basis für die sechs Titel der Shortlist war. Der Deutsche Buchpreis ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert, der Sieger erhält davon 25.000 Euro. Die fünf Finalisten bekommen jeweils 2.500 Euro.
Mit dem Deutschen Buchpreis 2009 zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den besten deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Der Preis hat sich in wenigen Jahren zur Auszeichnung mit der größten Publikumsresonanz in Deutschland entwickelt.
2008 ging die Auszeichnung an Uwe Tellkamp für seinen Roman „Der Turm", Preisträger der Vorjahre waren Julia Franck („Die Mittagsfrau"), Katharina Hacker („Die Habenichtse") und Arno Geiger („Es geht uns gut").
Pressemeldung zum Deutschen Buchpreis (Website Deutscher Buchpreis mit Hintergrundinformationen sowie Longlist und Shortlist)
Biografie Kathrin Schmidt (Wikipedia)
Deutscher Buchpreis 2008 an Uwe Tellkamp (Meldung auf OeBiB.de)